Der auf die Behandlung der unteren Extremitäten spezialisierte Physiotherapeut Benoy Mathew berichtet über den Einsatz der Stosswellentherapie bei Laufverletzungen

2023-06-06_News_Interview_Benoy_Mathew

Benoy Mathew hat sich auf die Physiotherapie der unteren Extremitäten und auf die Sonographie des Bewegungsapparats spezialisiert.

Er arbeitet für den staatlichen britischen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) am Guy's and St. Thomas' Hospital in London als Advanced-Practice-Physiotherapeut (APP)* und ist zusätzlich in einer physiotherapeutischen Privatpraxis tätig. 

Sein besonderes Interesse gilt chronischen Hüft- und Leistenbeschwerden sowie der Behandlung von Laufverletzungen. Er setzt sich engagiert für die Anwendung von Forschungsergebnissen in der klinischen Praxis ein und ist Herausgeber des 2022 erschienenen Buchs „Hip and Knee Pain Disorders“.

Mit welchen Laufverletzungen haben Sie es in der klinischen Praxis am häufigsten zu tun?
In den meisten Fällen handelt es sich um Überlastungsschäden wie chronische Tendinopathien und knöcherne Stressverletzungen. Die häufigsten Sehnenerkrankungen, die ich bei Läuferinnen und Läufern behandle, betreffen die Achillessehnen, die Sehnen der Gesässmuskulatur sowie die Sehnen der proximalen Hamstings, d. h. der ischiocruralen Muskeln. Darüber hinaus behandle ich Erkrankungen wie das mediale Tibiakantensyndrom und setze hierbei fokussierte Stosswellen ein.

Wodurch unterscheiden sich die Verletzungen bei Läuferinnen und Läufern von denen anderer Patientengruppen?
Rund 80 % der Laufverletzungen sind Überlastungsschäden. Das heisst, sie sind in der Regel auf ein Ungleichgewicht zwischen der Belastungsfähigkeit des Gewebes und der Trainingsbelastung zurückzuführen. Die meisten Verletzungen betreffen das Knie, das Bein, den Fuss und das Sprunggelenk. Laufanfänger neigen eher dazu, beim Laufen Knieschmerzen zu entwickeln, während bei erfahrenen Läuferinnen und Läufern hingegen chronische Tendinopathien z. B. der Achillessehne oder der proximalen Hamstrings häufiger sind.

Seit wann setzen Sie bei der Behandlung von Laufverletzungen Stosswellen ein?
Bei Laufverletzungen setze ich bereits seit 2015 Stosswellen ein. Ich war damals zu dem Schluss gekommen, dass einige Patientinnen und Patienten mit Laufverletzungen nicht gut auf das herkömmliche Belastungsmanagement bzw. Krafttraining ansprachen und nach wie vor mit Schmerzen zu kämpfen hatten. Dies beeinträchtigte ihre Wiederaufnahme des Lauftrainings und führte zu entsprechend grosser Frustration. Meiner Beobachtung nach ist die Stosswellentherapie eine nützliche, evidenzbasierte Begleittherapie zur Schmerzreduzierung und zur Förderung einer möglichst frühen Belastung und Steigerung der Übungen, beispielsweise im Rahmen eines plyometrischen Trainings.

Welche klinischen Vorteile bietet die Stosswellentherapie bei der Behandlung von Läuferinnen und Läufern?
Ich verwende Geräte von STORZ MEDICAL sowohl für die radiale als auch die fokussierte Stosswellentherapie. Diese beiden Verfahren bieten unterschiedliche therapeutische Vorteile. Radiale Stosswellen eignen sich besonders für oberflächennahe Strukturen wie die Achillessehne und die Plantarfaszie. Bei tiefer liegenden Strukturen und Knochenerkrankungen sind sie jedoch nicht wirksam. Demgegenüber sind bei Erkrankungen wie dem Schienbeinkantensyndrom (Shin Splint) fokussierte Stosswellen das Mittel der Wahl, um den Knochenumbau zu fördern und Schmerzen zu lindern. Meines Erachtens kann der Einsatz von Stosswellen als Ergänzung zum Reha-Programm bei Laufverletzungen eine frühzeitige Wiederaufnahme des Lauftrainings in dieser Patientengruppe begünstigen.

Wie haben Ihre Patientinnen und Patienten mit Laufverletzungen auf die Stosswellenbehandlung angesprochen?
Meiner Beobachtung nach sprechen Läuferinnen und Läufer, die an einer Achillodynie oder an einem Patellaspitzensyndrom leiden, sowohl auf die radiale als auch die fokussierte Stosswellentherapie gut an. Bei bestimmten Erkrankungen wie den Tendinopathien der proximalen Hamstrings sind nach meiner Erfahrung in der Regel mehr Sitzungen erforderlich (etwa 5 bis 6). Die vollständige Genesung kann 12 bis 16 Wochen dauern. Dabei muss den Läuferinnen und Läufern bewusst sein, dass es sich bei dieser Behandlung nicht um eine schnelle Lösung handelt und dass sie neben der Stosswellenbehandlung auch ein begleitendes Reha-Programm absolvieren sollten.

Wie hat die Stosswellentherapie Ihren Behandlungsansatz verändert?
Die meisten Läuferinnen und Läufer möchten so schnell wie möglich wieder mit dem Laufen beginnen. Mehrere Studien haben gezeigt, dass bei der Behandlung von chronischen Tendinopathien der unten Extremitäten die Anwendung der Stosswellentherapie als Ergänzung zu einem Sehnenbelastungstraining im Vergleich zu einer reinen Bewegungstherapie zu einer klinisch signifikanten Verbesserung führt. Dabei ist der Hinweis wichtig, dass die Stosswellentherapie keine isolierte Behandlung darstellt, sondern stets mit einer Aufklärung zum Belastungsmanagement, mit einem geeigneten Reha-Programm sowie mit Krafttraining und Konditionierungsmassnahmen einhergeht, um die Belastungsfähigkeit des Gewebes zu verbessern. Die Stosswellentherapie ist einfach und schnell durchzuführen und äusserst sicher.

* APP = Advanced Practice Physiotherapist / Advanced Practice Physiotherapy: Physiotherapeuten mit erweitertem Kompetenzbereich

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